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Wir bieten Informationen rund um den Eisenstoffwechsel des Menschen an für Studenten, Ärzte, Patienten. Dieses Projekt steht im Zusammenhang mit unserer langjährigen Arbeit und Erfahrung in der Eisenstoffwechselambulanz des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf "Interdisziplinäre, klinische Gruppe Eisenstoffwechsel" Eisenstoffwechselambulanz, UKE- Haus N41, Martinistr. 52, 20246 Hamburg Tel. 040-7410-52389; Fax 040-7410-54797; |
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Therapie
der sekundären Eisenüberladung Transfusionstherapie Die
Bluttransfusion ist bei kritischem Blutverlust oder bei lebensbedrohlichem
Mangel an Blutbestandteilen nach wie vor eine lebensrettende und
unverzichtbare Methode der Medizin. Als allgemeiner Grenzwert für die
gegebene Indikation für einen Bluttransfusion gilt in Deutschland seit vielen
Jahrzehnten ein Hämoglobinwert von 10 g/dl, obwohl die von der EU-Kommision
beauftragte SANGUIS-Studie (1994) diesen Wert als zu hoch einschätzt (1). In
dem hier diskutierten Zusammenhang wird eine chronische Transfusionstherapie
bei Blutkrankheiten in dem Sinne einer Blutbildungsstörung (Anämien, hämatologische
Neoplasien, Aplastische Anämien) eingesetzt. Das Verständnis der sekundären
Eisenüberladung wurde wesentlich durch die Erfahrungen mit der Mittelmeeranämie
(β-Thalassämie, Morbus Cooley) gewonnen. Deswegen soll im Folgenden die
Situation bei der β-Thalassaemia major beschrieben werden. Die meisten
Patienten mit β-Thalassaemia major werden zwischen dem 6. Lebensmonat und
dem 2. Lebensjahr mit einer Anämie diagnostiziert, wenn die Umstellung von
fetalem Hämoglobin F (α2γ2)
auf adultes Hämoglobin A (α2β2)
erfolgt ist. Nach Diagnosestellung wird mit der Transfusionsbehandlung
begonnen. Entscheidend für die Behandlung der Thalassämie mit Transfusionen
ist die Balance zwischen Eisenbelastung und einer wirksamen Suppression der
ineffektiven Erythropoese. Hämolyse und ineffektive Erythropoese verursachen
die Anämie, der jeweilige Anteil variiert bei den verschiedenen Formen der
Thalassämie. Das Knochenmark von Patienten mit β-Thalassämie enthält
etwa 5-6 mal so viel erythropoetische Vorläuferzellen wie das Knochenmark
gesunder Personen und etwa 15 mal so viele apoptotische Zellen (2). Die
beschleunigte Apoptose wird durch die Ablagerung freier alpha-Globinketten
verursacht (3). Eine zu geringe Transfusionsfrequenz oder –menge führt zu
einer Expansion der medullären und extramedullären Blutbildung. Die Folgen
sind Knochendeformitäten mit typischen Veränderungen wie Bürstenschädel,
prominenten Stirnhöckern und Kieferknochen, Prognathie, Ausdünnung der
Kompakta und Hepatosplenomegalie (4-6). Regelmäßige Transfusionen verhindern
dies und verbessern Wachstum und Entwicklung (7). Zudem
führt die ineffektive, gesteigerte Erythropoese zur vermehrten intestinalen
Eisenaufnahme. Zurzeit gilt ein Transfusionsregime, welches einen Hämoglobinwert
von 9-10 g/dl prätransfusionem anstrebt als ideal. Mit diesem Regime wachsen
Kinder besser, Hepatosplenomegalie und Knochendeformitäten sind geringer
ausgeprägt (8).
Abb. 1. Links: Bild eines 4-Jahre alten Mädchens mit unbehandelter
ß-Thalassaemia major. Typischer Gesichtsschädel mit prominenter Maxilla und
verbreiteter Nasenwurzel. Rechts:
Gleiche
Patientin im Alter von 29 Jahren (mit Ihren beiden Kindern).
Transfusionstherapie ab dem 4.5 Lebensjahr. Chelattherapie mit ca. 7 Jahren,
seither optimale Behandlung mit DFO.
Erreicht
wird dies bei den meisten Patienten mit Thalassaemia major durch 15-20ml/kg
Erythrozytenkonzentrat in 3-4-wöchentlichem Abstand (Tabelle 5.1). In der
Vergangenheit wurden Hypertransfusions-Schemata praktiziert, bei
denen schon bei einem Hb-Wert unter 12 g/dl eine erneute Transfusion durchgeführt
wurde (9). Solche Schemata führten zu einer raschen Eisenüberladung, die oft
nur schwierig durch Deferoxamin zu kontrollieren war.
Die
Transfusionsgeschwindigkeit muss dem klinischen Zustand des Patienten
angepasst werden. Bei neu diagnostizierten Patienten mit länger bestehender
schwerer Anämie sollte eine vorsichtige und langsame Transfusion durchgeführt
werden, um eine kardiale Belastung zu verhindern. Das
Hauptrisiko der lebenslangen Transfusionstherapie besteht in der Eisenüberladung.
Darüber hinaus kann es zur Alloimmunisierung kommen und Antikörper-Suchtests
sollten einmal pro Jahr angefordert werden. Einige Behandlungszentren
empfehlen deshalb die Verwendung von Präparaten, die bezüglich aller
Rhesus-Antigene identisch sind.
Solange bei einem CMV-negativen Patienten mit Thalassämie die Option für
eine Stammzelltransplantation gegeben ist, sollten CMV-negative
Erythrozytenkonzentrate transfundiert werden, um das Risiko der
CMV-Reaktivierung nach Transplantation zu minimieren. Viele Patienten mit
Thalassämie entwickeln im Laufe der Zeit eine ausgeprägte Splenomegalie. Der
damit verbundene Hypersplenismus führt zu einem gesteigerten
Transfusionsbedarf. Die Menge an verabreichten Erythrozytenkonzentraten in ml
bzw. g sollte dokumentiert werden, bei einem
Verbrauch über 250 ml/kg x Jahr kann eine Splenektomie indiziert sein (10).
Nach
vielen Jahren regelmäßiger Transfusionen gibt es bei einigen Patienten das
Problem des venösen Zugangs. Gelegentlich wird dann die Implantation eines
Port-a-Cath-Katheters notwendig. Die Hauptprobleme sind hier die
Katheterinfektion und –obstruktion. Erstere lässt sich durch Vancomycin
bzw. Teicoplanin behandeln, bei letzterer ist die Applikation von 5000-10000 E
Urokinase in das Volumen des Porth-Systems wirksam. Wenn Ausbildung und Beruf
geringe Fehlzeiten erforderlich machen, können die Transfusionen auch übernacht
und am Wochenende verabreicht werden. Vor
der Ära der Transfusionstherapie betrug die Lebenserwartung von Kindern mit
homozygoter ß-Thalassämie oft nur wenige Jahre. Es kam zu schweren
Knochendeformitäten, massiven Hepatosplenomegalien und Tod durch
Herzversagen. Mit regelmäßigen Transfusionen kann nicht nur die Anämie
behandelt werden, sondern es läßt sich auch den orthopädischen Problemen
vorbeugen. Allerdings kommt es ohne Chelatortherapie zu endokrinen Folgeschäden,
Leberfibrose und –zirrhose und die meisten Patienten versterben in der
zweiten Lebensdekade an einer Herzinsuffizienz infolge der kardialen Hämosiderose
(11). Eisenchelatoren Bei
Patienten mit sekundären Siderose infolge einer „Iron-loading anaemia“
oder einer reinen Transfusionssiderose kann
man in der Regel keine einfache Aderlasstherapie durchführen. In Fällen mit
einer leichten Anämie bestätigen Ausnahmen die Regel (12). Bei den typischen
Patienten können aber ausschließlich nur eisenbindende Substanzen zur
Eisenentzugstherapie herangezogen werden. Ein
Chelator (aus dem Griechischen χηλή, chelè, Kralle
Schere) bindet als Ligand reversibel an ein Metallion. Im Falle von Eisen können
biologische oder synthetische Chelatoren die Eigenschaften des Metallions
besonders stark verändern, denn der leichte Wechsel der Oxidationsstufe, des
Reduktionspotentials, der Koordinationszahl, des Elektronenspins, des
Ligandentyps, -gleichgewichts und -dynamik zeichnet Eisen in biologischen
Systemen in besonderem Maße aus. Biologische
eisenbindende Liganden, Siderophore, sind weit verbreitet und dienen z.B.
Bakterien zur Bioverfügbarmachung des essentiellen Spurenelementes (13).
Abb. 2: Einfaches Modell
eines „zweizähnigen“ Eisenchelators Eisenchelatoren
in der Chemie und Industrie sind meist kleine Moleküle, die Eisen sehr fest
binden. Allgemein gilt, dass Chelatoren mit Sauerstoffliganden Fe3+
stabilisieren, während Liganden
mit N- oder S-Atomen vorzugsweise Fe2+ stabilisieren. Auf diese
Weise greifen Liganden in den Redoxzyklus zwischen Fe2+ und Fe3+
ein (Abb. 5.3). Liganden, die sowohl Fe2+ als auch Fe3+
binden, können den Redoxzyklus stimulieren. Harte Liganden haben dagegen eine
hohe Affinität für Fe3+ und verhindern dadurch eine Reduktion zu Fe2+
in biologischen Systemen. Die meisten Eisenchelatoren sind gerade wegen ihrer
Metallbindungsfähigkeit hochgiftig und können klinisch nicht eingesetzt
werden. Eisenchelatoren
können klassifiziert werden nach Ihrem Ursprung (synthetische oder biologische),
nach der Interaktion mit Wasser (hydrophil oder lipophil) oder ihrer
stoichiometrischen Bindung mit dem
Eisenatom (zweizähnig bis sechszähnig). Grundsätzliches
Ziel der Verwendung von pharmazeutischen Eisenchelatoren bei Eisenüberladungserkrankungen
ist es a) reaktives freies Eisen zu „neutralisieren“ und b) überschüssiges
Speichereisen zu entfernen um insgesamt eiseninduzierte Zellschäden zu
verhindern. Außerdem wird der antineoplastische Effekt von Eisenchelatoren
z.B. beim Neuroblastom und bei Hirntumoren untersucht. (15, 16).
Abb.
3. Eisen-Redoxzyklus mit der
Bildung von reaktivem Fe2+, welches bei der Synthese von
„reaktiven oxidativen Spezies“ beteiligt ist. Liganden (auch
Eisenchelatoren) können den
Redoxzyklus entweder stimulieren oder unterbrechen. (modifiziert nach 14)
Bisher
haben nur wenige Chelatoren Einzug in die Therapie der Eisenüberladung beim
Menschen gefunden. Das
Anforderungsprofil an einen idealen Eisen-Chelator ergibt sich aus der
klinischen Anforderung: -
orale Anwendbarkeit -
gute Gewebepenetration -
leichte Mobilisierbarkeit des Eisen-Chelatorkomplexes -
möglich geringe Toxizität, möglichst hohe therapeutische Breite -
möglichst niedriger Preis für eine evtl. lebenslangen Therapie
Dies
ist allerdings leichter gesagt als getan, denn die Wirksamkeit von
Eisenchelatoren ist insgesamt begrenzt, die therapeutische Breite der
bekannten Eisenchelatoren ist nicht sehr hoch und die Wirksamkeit ist
unterschiedlich für verschiedene Gewebe. Das Erreichen von sicheren
Eisenkonzentrationen ist daher nur über Monate oder Jahre einer gut
angepassten und vom Patienten auch zuverlässig durchgeführten Therapie möglich,
wobei nicht gut definiert ist, was auf lange Sicht „sichere
Eisenkonzentrationen“ eigentlich sind. Klar ist, dass es für die wichtigen
Organe Blut, Leber, Herz unterschiedliche kritische bzw. „sichere”
Eisenkonzentrationen gibt. Im Blut zirkulieren relativ gesehen nur geringe
Eisenmassen (20-30 mg/Tag). Bei Eisenüberladung ist sehr schnell die
Bindungskapazität von Transferrin überschritten und es kommt zur Bildung von
nicht-Transferrin-gebundenem Eisen (NTBI) das in der Pathophysiologie der
Eisenschädigung bei Eisenüberladung eine besondere Bedeutung zukommt. In der
Leber befindet sich ein großer Anteil des überschüssig gespeicherten
Eisens, bei Patienten mit ß-Thalassämie mehr als 80 %. Daher ist das
Lebereisen ein Hauptangriffspunkt der Eisenchelatortherapie. Herzversagen ist
häufig die lebensbegrenzende Komplikation bei Patienten mit ß-Thalassämie,
wobei die Mengen an Speichereisen im Herzen auch in schweren Fällen nur ein
Bruchteil des Lebereisens ausmacht. Offenbar gehören aber Zellen des Herzen
zu den empfindlichsten Zellen überhaupt,
was eine Schädigung durch Eisen angeht. Individuell besteht keine gute
Korrelation zwischen Eisenspeicherung in der Leber und im Herzen. Um eine
negative Eisenbilanz bei einem chronisch transfundierten Patienten zu
erreichen müssen mehr als 0.4-0.5 mg Fe/kg täglich entfernt werden können. Eisenchelatoren
müssen mit zwei prinzipiellen Eisenkompartimenten wechselwirken: dem
intrazellulären Eisenpool, z.B. von Hepatozyten, in dem ein Großteil des überschüssigen
Speichereisens abgelagert ist und dem Eisenpool im
Monozyten/Makrophagen-System, die mit dem Abbau von Erythrozyten beschäftigt
sind. Hierbei zeigen sich
große Unterschiede zwischen verschiedenen Eisenchelatoren und es resultieren
unterschiedliche Ausscheidungswege für cheliertes Eisen über die Galle oder
über die Nieren. Siderophoren Von
Siderophoren abgeleitet sind Deferoxamin (DFO), Desferrithiocin
(DFT) und Desferri-exochelin (D-Exo). DFO ist z.Zt. die erste Wahl bei der
Behandlung von sekundären Hämosiderosen und wird ausführlich in Kapitel 6
behandelt. DFT
ist ein dreizähniger Ligand für Fe 3+ aus dem Bakterium
Streptomyces antibioticus DSM 1865. Es ist oral wirksam und kann im Tiermodell
überschüssiges Eisen mobilisieren (18). Es
zeigt leider eine schwere Nephrotoxizität was auf den cytotoxischen Effekt
von (DFT)2:Fe zurückgeführt wird. Es wurde eine ganze Reihe von
Derivaten synthetisiert, um besser verträglichere Varianten zu entwickeln. Im
Tierversuch erfolgreich und wenig toxisch ist
das Derivat 4-Hydroxy-desazadesferrithiocin
(19). Versuche am Menschen wurden bisher nicht durchgeführt. D-exo
gehört zu einer Gruppe von sechszähnigen Siderophoren aus Mycobakterium
tuberculosis, die sowohl lipophile als auch hydrophile Eigenschaften hat, was
eine gute Zellpermeabiliät verspricht. In-vitro Versuche zeigen eine
Eisenmobiliserungkapazität aus Ferritinproben. 5.2.2.
Synthetische Eisenchelatoren Zu
den synthetischen Eisenchelatoren gehören die Hydroxypyridinone mit
Deferipron (DFP) als Hauptverbindung (s. Kap. 8), die 1,2,4-Triazole mit
ICL670 als klinisch neu eingeführtes Medikament, die Tachypyrine,
Aroylhyrazone und die Thiosemicarbazone (20, 21). Grundsätzlich
kann bei den Chelatormolekülen die Anzahl der in einem Molekül vorhandenen
Sauerstoff- oder Stickstoffatome variieren, die an der Komplexbindung mit
Eisen beteiligt sind. Es resultieren 2,3- oder 6-zähnige Eisenchelatoren
(Abb. 5.4.)
Abb. 4 Verschiedene Koordination von Komplexen zwischen Liganden und
Eisen bei Eisenchelatoren Es
gibt von der Struktur her prinzipielle Unterschieden zwischen 2- und 3-zähnigen
Chelatoren. So können z.B. zweizähnige Chelatoren ausschließlich mit
Sauerstoffatomen in der Bindung besetzt werden, was zu neutralen
Chelatkomplexen mit Fe(III) und zu einer hohen Metallselektivität führt
(21). In
den folgenden Kapiteln werden nur die inzwischen für die Therapie am
Patienten zugelassenen Eisenchelatoren näher besprochen. Tabelle 2 gibt einen
Überblick über die wichtigsten Eigenschaften der Eisenchelatoren DFO, DFP
und DSX. In
Zellkulturversuchen wurde vergleichend die Wirksamkeit von verschiedenen
Chelatoren in den für den Eisenstoffwechsel bei Eisenüberladung wichtigsten
Zelltypen Makrophagen/Hepatozyten/Cardiomyozyten untersucht (22).
*pM
= -log[Fe3+ ], wenn
[Fe3+] total ist 10-6 M und [ligand] total = 10-5 M bei pH 7.4 Der
pM-Wert ist in Analogie zum pH-Wert ein Maß für die Eisenkonzentration, die
nach Einsatz eines Chelators unter Standdardbedingungen noch frei vorliegt
Tabelle 2:
Vergleich der Eigenschaften von verschiedenen Eisenchelatoren Dabei
wurde die Reaktion von intrazellulärem Eisen mit fluoreszierenden Substanzen,
wie zum Beispiel Calcein verfolgt, die nach Eisenbindung ihre Eigenschaften
verändern. Unter geeigneten Bedingungen konkurriert der zu untersuchende
Chelator mit der fluoreszierenden Probe.
Tab.3.: Fähigkeit von verschiedenen Eisenchelatoren, in Zellen bzw.
Zellkompartments zu permeiren und dort mit dem Komplex aus Eisen und
fluoreszierenden Chelatoren zu reagieren. D, Aufnahme durch Diffusion; E,
Aufnahme durch Endozytose. Untersuchung an Maus-Makrophagen J774, Hepatozyten
(humane Hepatoma HepG2) und Cardiomyozyten (H9C2). (modifiziert nach 22).
Die
Ergebnisse deuten daraufhin, dass die chelierende Wirkung von DFO auf
intrazelluläres Eisen relativ langsam ist, aber in Zellen mit hoher
endozytischer Aktivität gesteigert ist. DFP und DSX permeieren sehr schnell
in die meisten Zelltypen und haben direkten Zugang zu den intrazellulären
Eisenspeichern (Tabelle 3). Klinische
Überwachung einer Eisenchelatorbehandlung Der
Beginn der Eiseneliminationstherapie ist üblicherweise indiziert, wenn die
Serum-Ferritinkonzentration bei der regelmäßigen Bestimmung wiederholt
oberhalb von 1000 ng/ml liegt (und ein vorübergehender, z.B.
inflammationsbedingter, Anstieg ausgeschlossen scheint) oder wenn der
Lebereisengehalt 3,2 mg/g Lebertrockengewicht übersteigt Serumferritin-Werte sind allein kein sehr zuverlässiger Parameter der Körpereisenbeladung,
insbesondere bei gleichzeitig vorhandener Lebererkrankung (23). Patienten, die
mit Eisenchelatoren behandelt werden, sollten hinsichtlich der
Lebereisenkonzentration, Folgeerkrankungen einer Eisenüberladung, aber auch
den Nebenwirkungen der Eisenchelator-Behandlung überwacht werden. Tabelle
5.4. gibt orientierende klinische Empfehlungen zur Überwachung von Kindern
und Jugendlichen mit Thalassämie unter Behandlung mit Deferoxamin. Die
Lebereisenbestimmungen sollten idealerweise nicht-invasiv durchgeführt
werden.
Je
nach Transfusionsmenge werden diese Grenzwerte bei den meisten Patienten
nach 10-20 Transfusionen erreicht. In die Entscheidung zum Beginn der
Chelattherapie gehen vor allem bei Kleinkindern neben den genannten Parametern
Überlegungen zur Nutzen-/Risikoabwägung unter Berücksichtigung bekannter
Nebenwirkungen der Chelat-bildenden Medikamente (z.B. Wachstumsstörung bei
zu frühem Beginn einer Therapie mit Deferoxamin) ein. Bei älteren
Patienten, z.B. mit MDS, ist auch die allgemeine Prognose der Grunderkrankung
zu berücksichtigen, um die Patienten nicht unnötig mit einer zusätzlichen
Therapie zu belasten, deren Nutzen nicht mehr erlebt wird. Im Verlauf der
Eiseneliminationstherapie ist die stetige Überprüfung der Chelatordosis in
Relation zur vorliegenden Eisenüberladung wichtig, um die Balance zwischen
Effektivität und Toxizität zu halten. Vor Beginn oder bei Anpassung der
Chelattherapie muß das Ziel dahingehend definiert werden, ob eine Reduktion
der bestehenden Eisenüberladung oder aber nur eine Vermeidung zusätzlicher
Eisenablagerung angestrebt wird. Als Beispiel sind in Tabelle 5.4
diagnostische Parameter in der klinischen Überwachung von Thalassämiepatienten
dargestellt. Diese Angaben sind krankheitsspezifisch verschieden. Mit der Technik des kernspintomographischen
Nachweises von myokardialen Eisenablagerungen, deren Validierung noch
aussteht, gibt es vielleicht bald die Möglichkeit auch die kardiale Hämosiderose
zu überwachen. Mit dieser Technik gibt es erste Hinweise, dass bei Patienten
mit Thalassämie myokardiales Eisen nicht immer mit hepatischen
Eisenkonzentrationen korreliert (24). Die Knochenmark- oder Stammzelltransplantation, SZT, ist derzeit die
einzige kurative Therapieoption für Patienten mit Thalassämie, die durch die
Verbesserungen der konventionellen Therapie bei guter Compliance zwar
inzwischen deutlich länger leben, eine höhere Lebensqualität genießen und
eigene Familien haben können, aber die Last einer chronischen Erkrankung mit
dem Risiko für Folgeerkrankungen und kürzere Lebenserwartung tragen müssen.
Der konkreten Hoffnung auf Heilung nach SZT stehen allerdings auch
konkrete Risiken gegenüber, wie transplantationsassoziierte Mortalität,
akute und chronische Graft-versus-Host-Erkrankung und Transplantatabstossung
mit Rückkehr der Erkrankung. Die erste SZT bei Thalassämie wurde in Seattle, USA 1981 bei
einem 15 Monate alten Jungen aus Pavia durchgeführt (25). Seither sind an
vielen Zentren weltweit Knochenmarktransplantationen durchgeführt worden. Die
häufigste zur Anwendung kommende Konditionierung besteht aus Busulfan und
Cyclophosphamid. Die größten Serien wurden von Lucarelli und Mitarbeitern
aus Pesaro, Italien, publiziert, wo inzwischen mehr als 1000 Patienten
transplantiert wurden (26). Hier wurde auch ein Risikoschema evaluiert, mit
dem die transplantationsassoziierte Toxizität und Mortalität abgeschätzt
werden kann. Es beinhaltet Hepatomegalie, portale Fibrose und die Qualität
der Chelatbehandlung vor Stammzelltransplantation und definiert 3
Risikogruppen, Pesaro class 1-3. Tabelle 5.5. und Abb. 5.5 zeigen die berühmten
Daten aus der Arbeit von 1990 an 99 transplantierten Thalassämie-Patienten (27).
Tabelle
5: Pesaro-Klassifizierung von Thalassämie-Patienten.
Abb. 5.: Wahrscheinlichkeit von der
ereignisfreien Überlebenszeit bei 99 Patienten mit ß-Thalassämaemia major
nach Knochenmarktransplantation. Ein Ereignis wurde definiert als Abstoßung,
Wiederauftreten von Thalasämie oder Tod.
Bei
Transplantation von HLA-identischem Geschwister ist derzeit die
Wahrscheinlichkeit für ein krankheitsfreies Überleben in den Risikogruppen 1
und 2, 91% bzw. 84%. Patienten in der Risikogruppe 3 hatten bislang die
schlechtesten Ergebnisse, insbesondere wegen einer 30-% Abstoßungsrate und
einer 20 %igen Mortalität (28). Mit einem neuen Konditionierungsschema,
welches neben Busulfan und Cyclophosphamid Hydroxyharnstoff, Azathioprin und
Fludarabin beinhaltet konnte bei 33 Patienten unter 17 Jahren in der
Risikogruppe 3 eine Verbesserung des Überlebens auf 93% und eine Verminderung
der Abstossungsrate auf 8% erzielt werden (29). Ist
ein HLA-identischer verwandter Spender vorhanden, empfiehlt es sich, die
Transplantation möglichst noch vor dem Schulalter durchzuführen. Die
systemische Exposition gegenüber oralem Busulfan ist interindividuell
unterschiedlich und bei Kindern anders als bei Erwachsenen. Sie scheint einen
Einfluss auf Hepatotoxizität und Abstossungsrate zu haben. Ein
pharmakokinetisches Monitoring mit Dosisanspassung kann möglicherweise
helfen, beide Probleme zu vermindern (30). Verbesserungen sind auch von dem
seit kurzem erhältlichen, intravenösen Busulfan zu erwarten (31).
Bei
Transplantation von unverwandten Spendern wurde kürzlich in einer Gruppe von
68 Patienten zwischen 2 und 37 Jahren (medianes Alter 15) mit 14 Patienten in
Risikoklasse 1, 16 in Klasse 2 und 38 in Klasse 3 ein Überleben von 79,3%,
ein Thalassämie-freies Überleben von 65,8%, eine transplantationsassoziierte
Mortalität von 20,7% und eine Abstossungsrate von 14.4% berichtet. 62% der
Patienten erhielten eine Konditionierung mit Busulfan, Thiotepa und
Cyclophosphamid, 25% Busulfan und Cyclophosphamid und 13% Busulfan, Thiotepa
und Fludarabine (32). Diese guten Ergebnisse für Fremdspendertransplantation
beruhen auf Fortschritten bei Konditionierung, GvHD-Prophylaxe und hochauflösender
HLA-Typisierung. Eine
besondere Beachtung verdient das Problem der sekundären Eisenüberladung in
transplantierten Thalassämie-Patienten. Zwar sistiert das Problem nach
erfolgreicher SZT und es findet sich eine langsame Abnahme der
Lebereisenkonzentration bei diesen Patienten über die folgenden Jahre (33).
Doch um Gewebetoxizität und Folgekrankheiten zu vermeiden, wird meist eine
Phlebotomie-Behandlung bzw. Eisenchelatorbehandlung notwendig (34-36). Patienten
mit hämatologischen Neoplasien können im Rahmen ihrer Chemotherapie, ggf.
Rezidivbehandlung und Stammzelltransplantation eine große Zahl von
Erythrozytenkonzentraten erhalten und sind damit ebenfalls den Gefahren einer
Transfusionshämosiderose ausgesetzt (37). Mit der nichtinvasiven Bestimmung
der Lebereisenkonzentration im Biomagnetometer,
wurde eine prospektive Untersuchung an Langzeitüberlebenden
nach SZT durchgeführt, die ergab, daß 11% der Patienten einen Grad der
Leberhämosiderose aufweisen, der bei Thalassämie-Patienten mit endokrinen
Folgeschäden assoziiert ist. 3% wiesen eine Eisenüberladung auf, welche bei
Thalassämie-Patienten mit früher Mortalität aufgrund einer Kardiomyopathie
einhergehen (36). Dabei korrelierte die Lebereisenkonzentration nur mäßig
mit Serumferritinwerten und der transfundierten Menge an Hämoglobin. Eine
wiederholte Überladung des Plasmaeisenpools während der Chemotherapie mit
Auftreten von nicht-transferrin-gebundenem Eisen, NTBI (37), die auf einer
Hemmung der Erythropoese beruht, trägt bei diesen Patienten möglicherweise
zur Eisenbeladung parenchymatöser Organe bei (39). Patienten nach SZT und
Patienten nach längerer konventioneller Chemotherapie sollten daher auf eine
chronische Eisenüberladung hin untersucht und, bei Überschreitung potentiell
toxischer Werte, einer Phlebotomiebehandlung zugeführt werden.
Experimentelle
Behandlungsoptionen Die
Imbalance der Globinkettensynthese bei der Thalassämie kann durch eine
vermehrte Synthese von γ-Globin und damit der Bildung von HbF (α2
γ2) gemildert werden. Versuche der medikamentösen
HbF-Induktion mit Medikamenten wie Hydroxyharnstoff, 5-Azacytidin und
verschiedene Butyrat-Derivate haben, anders als bei der Sichelzellanämie, bei
der β-Thalassämie allerdings keinen wirklichen Erfolg gezeigt (40). Ein
Grund ist möglicherweise die gleichzeitige Hemmung der Erythropoese bei
vielen der eingesetzten Substanzen, die den positiven Effekt einer
HbF-Induktion auf die Anämie z.T. antagonisieren. Die gleichzeitige
Verabreichung von Erythropoetin könnte einen positiven Nettoeffekt auf die Anämie
bewirken. Auch Derivate kurzkettiger Fettsäuren sind in dieser Hinsicht
vielleicht hoffnungsvoller, da sie neben der Hämoglobin-F-Synthese auch die
Erythropoese stimulieren können (41).
Ein
alpha-Hämoglobin stabilisierendes Protein ist kürzlich identifiziert worden,
welches freie alpha-Ketten stabilisiert und dadurch das Entstehen freier
Radikale und die oxidative Schädigung von Erythrozyten verhindern kann. Im
murinen Modell scheint das Protein den klinischen Schweregrad zu modifizieren,
die Anwendung bei Patienten hat bislang keinen Erfolg gezeigt (42). Eine
Verminderung von Lipidperoxidation in Erythrozyten wurde bei Thalassämie-Patienten
durch die Gabe von Vitamin E erreicht (43). Andere Antioxidantien könnten
therapeutisch nützlich sein. Patienten
mit Thalassämie weisen inadäquat niedrige Hepcidinspiegel auf (44) und mit
ihrem Serum kann die Hepcidin mRNA-Expression in HepG2 Zellen gehemmt werden
(45). Hepcidin oder Substanzen, die eine Hepcidinexpression fördern, könnten
daher helfen die intestinale Eisenabsorption zu hemmen (vergl. Kap. 3). Gentherapie Um
Patienten mit β-Thalassämie
zu heilen ohne hämatopoetische Stammzellen eines gesunden Spenders zu
transplantieren, müsste es gelingen das β-Globingen in autologe hämatopoetische
Stammzellen zu transferrieren und dort eine bleibende hohe Expression zu
bewirken. Ein Expressionsgrad von 50% der α-Globingen-Expression wäre
ausreichend, um den Phänotyp einer heterozygoten β-Thalassämie zu
erzeugen. Mit neueren, Lentivirus- Vektoren, die auf dem HIV-Virus basieren
und auch nicht teilungsaktive Zellen infizieren können, ließ sich die β-Thalassämie
im Mausmodell bereits erfolgreich von zwei Arbeitsgruppen korrigieren (46,
47). Erhebliche Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Anwendung am Menschen
kommen von den ersten Gentherapien bei Kindern mit
angeborener, schwerer Immunschwäche (SCID), bei denen zwei der
behandelten Patienten, durch Integration des therapeutischen Genes in die
Nachbarschaft des dadurch aktivierten Proto-Onkogens LMO2, 2 ½ und 3 Jahre später
eine lymphoproliferative Erkrankung bekamen (48). Fortschritte in der
Vektortechnologie mögen in nicht allzu ferner Zukunft solche
Sicherheitsrisiken kontrollieren können. Ein weiterer Nachteil besteht in der
Notwendigkeit, wie bei der allogenen Stammzelltransplantation weiterhin eine
toxische myeloablative Konditionierung mit Zytostatika durchführen zu müssen,
damit gentherapeutisch veränderte autologe Stammzellen ausreichend anwachsen
und expandieren können. Vielleicht ist es irgendwann möglich, genetisch
korrigierte autologe Stammzellen ex vivo zusätzlich so zu manipulieren, dass
sie einen bedeutsamen Überlebensvorteil gegenüber den kranken Stammzellen
des Patienten gewinnen, um so eine Konditionierungsbehandlung umgehen zu können.
Eine Phase I/II Klinische Studie zur Gentherapie an Patienten mit β-Thalassämie
und Sichelzellanämie wurde von der Firma Genetix Pharmaceuticals, Cambridge,
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Hinweise und Kommentare bitte an Dr.
Peter Nielsen |