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Wir bieten Informationen rund um den Eisenstoffwechsel des Menschen an für Studenten, Ärzte, Patienten. Dieses Projekt steht im Zusammenhang mit unserer langjährigen Arbeit und Erfahrung in der Eisenstoffwechselambulanz des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf "Interdisziplinäre, klinische Gruppe Eisenstoffwechsel" Eisenstoffwechselambulanz, UKE- Haus N41, Martinistr. 52, 20246 Hamburg Tel. 040-7410-52389; Fax 040-7410-54797; |
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Deferasirox
Deferasirox
(DSX, ICL670, ExjadeTM) ist ein neuer oraler Eisenchelator, der von
der Fa. Novartis entwickelt und vor kurzem in der Schweiz und in USA/Kanada
(FDA approval: Nov 2005) zugelassen wurde. In einer umfangreichen Suche unter
750 Chelatoren aus unterschiedlichen chemischen Substanzklassen wurden auch
die Eigenschaften von bis-(Hydroxyphenyl)-Triazolen untersucht (1). Mit Hilfe
von komplexen Modellrechnungen wurden Triazole als ideale Linker zwischen
einem N-Atom und zwei phenolischen Sauerstoffatomen erkannt und mehr als 40
Triazolderivate synthetisiert. In Studien bezüglich Wirksamkeit und
Tolerabilität an Ratten und an Marmoset-Affen wurde DSX als
erfolgversprechenster Kandidat ausgewählt.
Abb. 1.:
Struktur von Deferasirox (DSX) mit seinen drei Bindungsstellen für
Eisen. 2 Moleküle DSX binden ein Atom Fe(III). Der 2:1 Komplex mit
Fe(III) ist nach außen hin negativ geladen. DSX
ist ein achiraler, dreizähniger Ligand für Fe3+. Zwei Moleküle von Deferasirox können einen
Komplex mit Eisen bilden (Abb. 8.1). Neben
den „harten“ Sauerstoffatomen sind auch zwei „weiche“ N-Atome an der
Fe(III)-Bindung beteiligt, was nach R.C.Hider
theoretisch zu einer geringeren Metallionen-Selektivität führen könnte
(2). Im
Vergleich zu DFO ist die Affinität für Eisen beurteilt am pM-Wert geringer,
aber deutlich höher als von DFP (3). In Ratten und Marmoset-Affen wird 14C-markiertes
DSX (10 und 25 mg/kg oral) rasch und vollständig (75 %) absorbiert. Maximale
Plasmaspiegel traten nach 0.5 h auf. Die Plasmahalbwertszeit beim Menschen
beträgt 11-19 Stdn. Die absolute Bioverfügbarkeit, verglichen mit einer
i.v.-Dosis, betrug in beiden Spezies 30-40 %, in Hunden 80-100 % (1). Im
Fall von Deferasirox ist das geladene Chelat (Fe-[ICL670]2-) deutlich hydrophiler als der Chelator (4). Dies hat aber
wenig Einfluss auf die Proteinbindung. Im Blut von verschiedenen
Spezies, inkl. des Menschen, sind Deferasirox und sein Eisenchelat fast
ausschließlich im Plasma zu finden, fest gebunden an Plasmaproteinen wie z.B.
Albumin (5). Der ungebundene Anteil im Plasma liegt jeweils unter 2 %. Bei
hohen Dosen verdrängt Deferasirox Markermoleküle
vom Albumin. Ein daraus theoretisch abgeleitetes Risiko einer Wechselwirkung
mit anderen, ebenfalls proteingebundenen Medikamenten wird aber als gering
eingestuft (5). Präklinische
Studien
Studien
an Primaten wurden zuerst an Marmoset-Affen durchgeführt, die durch i.p.
Injektion von Eisendextran eisenbeladen wurden. In einer dosisabhängigen
Wirksamkeit (14-112 mg/kg) wurde nach DSX-Gabe Eisen ganz überwiegend im
Stuhl ausgeschieden. (Abb. 8.2)
(7).
Eine
effektive Dosis, die 500 µg Fe/kg/Tag ausscheiden lässt, was eine notwendige
Zielgröße bei Thalassämie-Patienten unter chronischer Transfusionstherapie
darstellt, wurde mit 22 mg/kg/Tag DSX erreicht. An dieser Dosis hat man
anfangs die Dosierung bei den Zulassungsstudien am Menschen orientiert.
Die in-vivo-Effektivität von DSX, definiert als Menge an
ausgeschiedenem Eisen in % der theoretischen Menge an Chelator war 29 % bei
einer Dosis von 150µMol Eisenbindungskapazität/kg. Im Vergleich dazu zeigte
sowohl DFP als auch DFO mit 2 bzw.
3 % eine deutlich niedrigere Effektivität. Toxikologie
in Tiermodellen
Bei
Marmosets wurden nach Abschluss der Studie histologisch keine Schädigungen
festgestellt, auch keine kataraktähnlichen Veränderungen.
Klinische Studien, Phase I - III
Phase
I: In einer plazebo-kontrollierten Doppelt-Blind-Studie wurden 6
Einzeldosen in insgesamt 24 Patienten in 3 Gruppen von Patienten mit b-Thalassämie
getestet. Jede Gruppe erhielt eine Niedrigdosierung (2.5, 5, 10 mg/kg, oder
Placebo) und nach 7 Wochen eine zweite höhere Dosierung (20, 40, 80 mg/kg,
oder Placebo) DSX (8). Die Plasma
und Urin-Fe-Konzentration wurde vor und bis zu 96 h nach Dosierung gemessen.
Von 3 Patienten nach der 80
mg/kg-Dosis wurde über Übelkeit geklagt. In einer weiteren
plazebo-kontrollierten Doppelt-Blind-Studie wurde in Gruppen von Patienten mit
Thalassämie (Serum-Ferritin > 1000 µg/l oder LIC > 3.5 mg Fe/g Leber
Tr.Gew.) über 12 Tage behandelt (10, 20, 40 mg/kg, oder Placebo, jeweils
n=5). Es wurde die Urin- und Stuhlausscheidung von Eisen quantitativ gemessen.
Es zeigte sich eine dosisabhängige Eisenausscheidung vorwiegend im Stuhl.
Vier Patienten zeigen einen generalisierten Hautausschlag (nach 40 mg/kg). Phase
II-Studie. In einer offenen, randomisierten Studie erhielten 71 Thalassämie-Patienten
entweder 10 oder 20 mg/kg/Tag DSX oral oder DFO s.c. 40 mg/kg/Tag an 5 Tagen
pro Woche (9). Nach 6 Monaten war der Effekt in Richtung Reduktion des
Lebereisens unter 20 mg DSX ähnlich gut wie unter der DFO-Therapie. 13/22
(=59 %) Patienten zeigen eine Reduktion des Lebereisens im Vergleich zu 12/21
(57 %) Patienten unter DFO-Therapie. In allen Dosisgruppen wurden erhöhte b2-Mikroglobulin-Werte
im Urin als Zeichen einer evtl. Nierenschädigung festgestellt.
Die klinische Relevanz dieser Beobachtung bleibt bisher unklar. In
einer randomisierten, kontrollierten Studie wurde DSX auch in eisenüberladenen
Patienten mit Sichelzellkrankheit eingesetzt
(10). 132 Patienten erhielten DSX über ein Jahr in einer individuellen Dosis
von 5-30 mg/kg/Tag, je nach individuell vorliegender Lebereisenkonzentration
(SQUID-Methode), 63 Patienten erhielten entsprechend DFO (20-60 mg/kg/Tag).
Nebenwirkungen von DSX (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, abdominale Schmerzen,
Hautrötung) waren mild. 3
Patienten zeigten einen Anstieg von Serum-Kreatinin auf > 33 % vom
Ausgangswert. In beiden Gruppen wurde ein statistisch signifikanter Abfall der
Lebereisenkonzentration gefunden, auch das Serum-Ferritin nahm im Mittel
jeweils ab. In einer weiteren Studie an 184 Patienten mit Transfusionssiderose
wurden auch Patienten mit DBA (n = 30, Alter 16 ± 10 Jahre) und MDS (n = 47,
65 ± 13 Jahre) 12 Monate mit DSX (5 - 30 mg/kg/Tag, je nach basaler
Lebereisenkonzentration) behandelt (11). Obwohl der Transfusions-Bedarf und
damit die Eisenzufuhr bei den verschiedenen Patientengruppen sehr
unterschiedlich war, wurde in allen Gruppen eine Abnahme des Lebereisens und
des Serum-Ferritins erreicht. Speziell MDS-Patienten, mit einer eher geringen
Eisenzufuhr (< 0.3 mg/kg/Tag), zeigten unter 10 bzw. 20 mg/kg/Tag DSX eine
deutliche Reduktion der Eisenspeicher. Phase
III-Studien
Eine
vergleichende Multizentren-Studie zur Wirksamkeit von DSX wurde in regelmäßig
transfundierten Patienten mit b-Thalassämie durchgeführt (12).
Eingeschlossen wurden eisenüberladene Patienten älter als 2 Jahre mit einer
Lebereisaenkonzentration > 2 mg Fe/g
Tr.Gew.). Während einer
Therapiedauer von 12 Monaten erhielten 296 Patienten DSX, 290 Patienten DFO in
einer Dosierung, die individuell anhand der initialen Leber-Eisenkonzentration
festgelegt wurde. Der primäre Endpunkt war das Konstanthalten
bzw. die Reduktion des Lebereisens, sekundäre Endpunkte waren
Sicherheit und Tolerabilität, der Verlauf des Serum-Ferritins und
die netto-Eisen-Bilanz. Bei
der Untergruppe der schwer eisenüberladenen Patienten waren beide Chelatoren
gleich gut wirksam, in ca. 59 % der Fälle blieb das Lebereisen stabil bzw.
wurde im Therapiezeitraum abgesenkt (Tabelle 8.1).
Tabelle 1: Verlauf der Lebereisenkonzentration in
Gruppen von Thalassämiepatienten nach DSX- oder DFO-Therapie (nach
12). Insgesamt
zeigt diese Studie, wie vorher nicht erwartet, eine Überlegenheit von DFO
gegenüber DSX. Die Autoren führen dies auf
die Anwendung von zu niedrigen DSX -Dosen zurück (5 und 10 mg/kg/Tag).
Im Detail bewirkte DSX in einer Dosis von 20 mg/kg ein Stabilhalten, eine
Dosis von 30 mg/kg führte zu einer Reduktion der Lebereisenkonzentration.
Dosen von 5 und 10 mg/kg waren zu
gering für Thalassämie-Patienten, die regelmäßige Bluttransfusionen
erhielten (Abb. 3).
Abb. 3: Veränderung der Lebereisenkonzentration unter DFO (offenes
Quadrat) bzw. DSX-Therapie (gefülltes Quadrat) nach 12. In
der Studie wurde die Lebereisenkonzentration (LIC) teilweise durch
Eisenbestimmung aus Biopsieproben (n = 224, bzw. 230) beurteilt, bei manchen
Patienten wurde LIC auch nichtinvasiv mit der SQUID-Technik (n = 44 bzw. 43)
gemessen. Leider verwenden diese Methoden auch in dieser Studie
unterschiedliche Bezugspunkte (SQUID, mg Fe/g Feuchtgewicht; Biopsie und MRI,
mg Fe/g Trockengewicht). Bei
der Umrechnung von Feuchtgewicht in Trockengewicht wurde ein Faktor von 3.3
herangezogen und damit festgestellt, dass die SQUID-Werte im Vergleich zur
Biopsie offenbar systematisch zu niedrig liegen.
Andere Studien legen beim Menschen aber eher Umrechnungsfaktoren von 5
- 6 nahe. Da ein solcher Umrechnungsfaktor kritisch ist, wäre im Verlauf von
weiteren Studien anzuraten, in einem System zu bleiben, entweder bei Patienten
durchgehend invasive Biopsien oder eine nichtinvasive Methode (SQUID, MRI)
einzusetzen, sodass dieses Problem erst gar nicht auftritt (13). Der
Verlauf der Serum-Ferritinwerte zeigt ebenfalls einen Unterschied zwischen DSX
und DFO (Abb. 4). Bei
der Dosis von 20 mg/kg DSX ergab sich ein stabiles, bei der Dosis von 30 mg/kg
ergab sich im Mittel ein Abfall des Serum-Ferritins im Laufe der Studie. Bei
einer linearen Regression, ergab sich die bekannt schwache Korrelation
zwischen individuellen LIC und
Serum-Ferritin (r = 0.63). Als
häufigste Nebenwirkungen wurden in dieser großen Studie ein Hautauschlag,
gastrointestinale Beschwerden und milde, nicht-progressive Erhöhungen vom
Serum-Kreatinin-Wert festgestellt. Eine Agranulozytose, Arthropathie oder
Wachstumsstörungen wurden nicht beobachtet. Die Autoren dieser Studie halten
Deferasirox für einen hoffnungsvollen Eisenchelator mit
einmal-Dosis-Charakter in der Behandlung von transfusionsbedingter Eisenüberladung.
In
einer offenen, Multizenter-Phase-III-Studie wurde die Wirksamkeit von DSX
genauer an Kindern und Jugendlichen (Alter 2-16 Jahre) mit ß-Thalassämie
untersucht. 154 erhielten DSX, 145 DFO (14), jeweils über 12 Monate. Bei 5
Patienten (3.2 %) wurde die Therapie wegen vermuteter adverser Reaktionen (Übelkeit,
Erbrechen, Durchfall, Hautausschlag) abgebrochen.
DSX führte in allen Altersgruppen (<6, 6-11, oder 12-15 Jahren) zu einem
Abfall der Lebereisenkonzentration. DSX zeigt eine gute Wirksamkeit und Verträglichkeit
auch bei Kindern mit sehr hohem Transfusionsbedarf. Wirkung
auf Herzeisen und Leberparameter Ein
wichtiges, vielleicht das wichtigste Kriterium
in der Diskussion um die Qualität von DSX als neuer Chelator ist z.Zt. die
Frage nach der Wirkung auf das Herzeisen (vergl. Kapitel 7).
Auf dem 47. Meeting der American Society of Hematology (ASH) in
Atlanta, Dez. 2005 wurden dazu erste Daten in Abstraktform vorgestellt (14).
Unter Verwendung der MRT-T2*-Technik (vergl. Kapitel 4) wurden bei 22
Patienten mit Transfusionssiderose unter DSX Therapie (10-30 mg/kg/Tag) über
ein Jahr die T2*-Zeiten vor und nach Therapie gemessen. Die mittlere T2*-Zeit
nahm von 18.0 ms auf 23.1 ms (p=0.013) zu und korrelierte mit signifikanten Änderungen
von Lebereisen und Serum-Ferritin. Da dabei die Normgrenze von 20 ms wieder
erreicht und übertroffen wurde, kann von einer Riskoverbesserung für die
Patienten ausgegangen werden. Zu diesem Thema sind unbedingt weitere, ausführliche
Studien notwendig, um die Wirkung von DSX auf das Herzeisen nachzuweisen. DSX
führt nach 12-monatiger Anwendung zu einer Verbesserung der
Leberfunktionsparameter und zu
einer Reduktion von hepatozellulären Entzündungs-parametern. Aus
Leberbiopsieproben vor und nach Ende der Studie wurden entsprechende Scores
erhoben (15). Die Änderungen reflektieren sehr gut den Verlauf des
Lebereisens. Zufriedenheit
der Patienten, Kosteneffektivität In
den beiden bereits erwähnten Studien mit DSX in ß-Thalassämie bzw. in
Sichelzellpatienten (12, 10) wurde die Zufriedenheit der Patienten mit der
Therapie erfragt (17,18). Die Antworten unterscheiden sich jeweils etwas
davon, ob vorher eine DFO-Therapie bereits durchgeführt wurde. In jedem Fall
aber war die Antwort „sehr zufrieden oder zufrieden“ für die DSX-Gruppe
deutlich häufiger vertreten als bei den mit DFO behandelten Patienten (s.
Tabelle 2). Entsprechend häufiger gaben die Patienten an, dass sie diese
Therapie gerne weiterführen möchten. Es bleibt abzuwarten, ob diese höhere
Zufriedenheit mit DSX sich auch in einer vergleichsweise besseren Compliance
auswirken wird.
Tab. 2: Zufriedenheit mit der DSX-Therapie im Vergleich zu
DFO-Therapie bei Patienten mit ß-Thalassämie (15) oder Sichelzellkrankheit
(16).
Die
Kosteneffizienz für DSX gegenüber DFO wurde in Patienten mit ß-Thalassämie,
Sichelzellkrankheit bzw. MDS
berechnet (19-20). Dabei wurden Modellannahmen getroffen und die Kosten der
Therapie dem zu erwartenden Gewinn an Lebensqualität gegenübergestellt.
Danach zeigte sich in allen Patientengruppen eine Kosteneffizienz der
DSX-Therapie gegenüber einer DFO-Therapie, insbesondere bei Patienten, die frühzeitig
mit DSX behandelt werden.
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